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Von einer fairen Aktiengesellschaft – und wie man Pflanzen- und Insektenschutzmittel am besten selber macht

Einen ganzen Tag verbringe ich mit COMSA (Café Orgánico Marcala S.A.), besuche dabei verschiedene Produzenten von Bio-Kaffee, sowie die Aufbereitungsanlage von COMSA und das Verkostungslabor, in dem die gerade gepflückte Ernte von ihnen verkostet wird. Ein langer, spannender und aufschlussreicher Tag, der mich vor allem über biologischen Kaffeeanbau und über die aktuelle Marktsituation für Fairtrade Baunern informiert…

COMSA umfasst heute ca. 310 Kaffeeproduzenten, darunter über 70 Frauen. Mit einer jährlichen Produktionsmenge von ca. 700 Tonnen Rohkaffee und drei marktrelevanten Zertifikaten (Bio, Fairtrade und Ursprung Marcala) haben die angeschlossenen Kaffeeproduzenten einiges an Erfahrung in diesen Bereichen sammeln können und sind für mich ein guter Gesprächspartner. Das Besondere an COMSA ist aber vor allem die Rechtsform: COMSA ist keine Kooperative. Da zu Gründungszeiten viele umliegende Kooperativen durch Korruption oder fehlende Kenntnisse pleite gingen und sich auflösten, wählten die heutigen COMSA- Produzenten zwischen verschiedenen Rechtsformen die der demokratischen Aktiengesellschaft aus: Um Mitglied bei COMSA zu werden, muss man also die für die jeweilige Zertifizierung erforderlichen Kriterien erfüllen – und mindestens eine COMSA- Aktie à 100 lempiras (ca. 4 Euro) kaufen. Unabhängig von seiner Aktienanzahl hat aber jedes Mitglied nur eine Stimme, so dass COMSA de facto wie eine Kooperative funktioniert. 5% seines Umsatzes muss der Kaffeebauer an COMSA zahlen um damit die Verwaltungskosten (und z.B. die jährlichen Zertifizierungskosten) zu decken.

Die rund 75000 Euro, die COMSA 2009 als soziale Prämie von Fairtrade erhalten halt, wurden wie folgt aufgeteilt: 50% für die Verbesserung der Aufbereitungsanlage durch den Kauf von mehreren Trockenöfen, 35% in eine Verbesserung der Administration (Büroausstattung), 5% in die Förderung von Klein und Kleinstunternehmen in der Umgebung von COMSA, 10% in Bildungsprojekten. Unterstützt wurden ebenso das Rote Kreuz (Reifen für Fahrzeuge, Ausstattung mit Medikamenten) sowie ein benachbartes gynäkologisches Zentrum (Reservestromversorgung). Ich frage mich, wie wohl in der Generalversammlung entschieden wird, welche Schule oder welches Gesundheitszentrum unter alle den vorhandenen finanzielle Unterstützung erhält, da ja nicht alle Produzenten unmittelbar aus dem gleichen Dorf stammen und so eine ganze Reihe von Objekten in Frage käme?
Zum Einen wird natürlich zunächst in die Institutionen investiert, die entweder in der Nähe der Aufbereitungsanlage sind oder Kinder von möglichst vielen Produzenten betreffen – die Fairtrade Prämie soll ja gerade die soziale Struktur der Kooperative stärken. Zum Anderen kann es aber auch passieren, dass ein Mitglied ein anderes Objekt vorschlägt, welches durch Extremzustände aufgefallen ist, aber nicht unmittelbar mit den Produzenten in Verbindung steht.

So viel weiß ich schon als wir die erste Finca eines COMSA Produzenten besuchen, der sich auf biologischen Kaffeeanbau spezialisiert hat. Der Vormittag bei ihm ist für mich besonders spannend, da ich bisher wesentlich mehr über den Fairen Handel als über organisch –biologischen Anbau weiß und letzterer ja auch wieder etwas Anderes ist als die biologisch-daynamische Methode, die ich bei der Finca Irlanda in Mexiko beschrieb…Ich war immer davon ausgegangen, dass man dafür einfach keine chemischen Pestizide einsetzt und evtl. die Pulpa, also das abgetrennte Fruchtfleisch als Dünger verwendet und zudem für eine ordentliche Abwasseraufbereitung sorgt. Das stimmt soweit auch, aber eine Kaffeefinca zu sein, die vollständig auf „BIO“ umgestellt ist, bedeutet noch sehr viel mehr. Mario Pérez, der Eigentümer dieser „Vorzeige-Finca“ ist wohl der am besten geschulte Produzent für organischen Kaffeeanbau der Region, wenn nicht sogar des Landes. Seine Begeisterung für eine völlig chemiefreie Produktionsmethode merkt man ihm an: A) ich komme vor lauter Erklärungen nicht mehr zu Wort und b)ich habe noch nie jemanden so enthusiastisch über Dünger philosophieren hören :-)

Die Finca „Los Cascabelos“ ist wohl die schönste, die ich bisher in Honduras gesehen habe! Nicht nur die in Reih und Glied stehenden Kaffeebäume, mit den ordentlich gepflanzten Bananenstauden und, noch einmal einen Meter höher, anderen Laubbäumen, die dem Kaffee Schatten spenden, sondern auch die gesamte Finca: Blumen, frischer Koriander, Mais, Salat und andere Gemüsesorten, dazwischen Fischweiher, Hühner, Schweine, Ziegen – eigentlich ein gesamter Selbstversorgungsbetrieb im besten Zustand.
Das war allerdings vor ein paar Jahren noch ganz anders. Da Mario Pérez selbst früher auf einer Kaffeefinca ohne chemische Zugaben aufgewachsen war (damals vermutlich aus finanziellen Gründen, um die hohen Kosten der chemischen Pestizide zu sparen), fiel es ihm nicht schwer, die Entscheidung zu treffen, seine Finca auch komplett auf biologischen Anbau umzustellen. Gesagt – getan. Er verzichtete einfach auf die Chemie und streute erstmal die bei der Aufbereitung abgeschälten Pergaminohäutchen um die Kaffeepflanzen – mit dem Erfolg, dass die Erntemenge von etwa 4,6 Tonnen auf 550 Kilo (!) fiel, so dass die gesamte Familie praktisch ein Jahr lang keine Einkünfte hatte. Die heutige Vielfalt an landwirtschaftlichen Produkten gab es damals nämlich auch noch nicht, zu 99% wurde Kaffee angebaut. Vielleicht hat diese harte Zeit Don Marios heutige Begeisterung für seine Finca bewirkt…

Durch viele Schulungen von COMSA hat Mario gelernt, wie er selbst natürliche, wirkungsvolle Pestizide herstellt. Dies gleicht ein wenig einem Kochrezept, denn wer gedacht hat, dass man einfach Mist oder Pulpa verwendet, der wird hier eines Besseren belehrt. Vielmehr bilden Mikroorganismen, die über Jahrzehnte im Wald entstehen die Basis. Diese werden zunächst in großen luftdicht verschlossenen Behältern mit verschiedenen Mehlsorten versetzt, so dass sie sich während mehrerer Wochen darin vermehren- und zwar viel schneller als in ihrm natürlichen Umfeld. Dass dies der perfekte Lebensraum für die Organismen ist, sieht man bereits nach wenigen Tagen: Öffnet man einen dieser Behälter, haben sich schon große, weiße Pilze gebildet, die laut Mario „ganz herrlich“ aussehen und genauso riechen. Na, das ist dann wohl Geschmackssache…

Von dem Vermehrungsbett müssen die Organismen vor Verwendung als Pestizid oder Insektizid „aktiviert“ werden, d.h. sie werden in Flüssigkeit gelöst und z.T mit verschiedenen Stoffen versetzt. Bei den Pestiziden wird eine Kolonie aus Mikroorganismen in einen Stoffsack geschnürt, welcher wiederum in mit Zucker versetztem Wasser gehängt wird. Da Zucker den Organismen als Nahrung dient, treten sie aus dem Mehlbett aus und lösen sich im Wasser. Nach ca. 5 Tagen kann man diese Flüssigkeit zur Besprühung von Kaffeebäumen nutzen und sie so von Pilzen befreien, indem die aktivierten Organismen diesen den Lebensraum nehmen. Nach 10 Tagen sind die Mikroben im Wasser soweit gediehen, dass auch Bakterien am Kaffee erfolgreich entfernt werden. Nach 20 Tagen werden die Organismen dem Behälter entnommen und zu Kompost verarbeitet. Dazu werden sie mit Mist, Erde, Asche, Sand vermischt. An den weißen Ablagerungen im Kompost sieht man, dass sich auch dort wieder neue Kolonien von Mikroorganismen bilden.

Bei der Herstellung von natürlichen Insektenschutzmitteln fühle ich mich noch mehr an eine Art „Hexenküche“ erinnert: Hier werden die Mikroorganismen mit Schnaps, Knoblauch, Chili, Niem und z.T. aromatischen Blättern (z.B. Minze o.ä.) vermischt. Vor meinem inneren Auge sehe ich Don Mario nachts in einem großen Bottich rühren und sein Wundermittel herstellen…In jedem Fall: es hilft. Ich bin beeindruckt.

Mitten auf der Finca steht eine kleine Aufbereitungsanlage für den hier geernteten Kaffee. Ich stelle einmal mehr fest, dass es wesentlich einfacher ist, diesen Prozess an diesen kleinen, weniger modernen aber überschaubareren Anlagen nachzuvollziehen als auf den ganz großen Fincas wie der, die ich zuvor in Mexiko besucht habe. Der Prozess ist ja aber im Grunde derselbe: Die Kaffeekirschen werden durch den Entpulper gespült, gequetscht und somit die Bohne aus dem Fruchtfleisch gelöst. Pulpa und Bohnen mit Restfruchtfleisch werden getrennt, letztere werden in den Fermentationstank geleitet, wo sie ca. 24 Stunden bleiben. Besonders gut kann man hier den folgenden Schritt, das Waschen des Kaffees beobachten. Hier erfolgt es manuell, anderswo erledigt das häufig auch eine Maschine. Dabei werden die Bohnen mit der Pergaminohaut in einen Schwemmkanal geleitet. Die defekten Pergaminos oder noch enthaltene Pulpa sind leicht und schwimmen gleich in das Ende des Kanals. Die beste Qualität der Bohnen, die reif gepflückten Kirschen entstammen und keinerlei Defekte aufweisen, bleiben in dem ersten Abschnitt liegen, da sie schwerer sind, die zweite Qualität aus noch nicht ganz reifen Kirschen im mittleren Teil. Wenn das Wasser abfließt, bleiben die Pergaminos im Kanal liegen und werden per Hand noch mal auf Pulpastücken untersucht und sortiert.
Das „Agua Miel“ (Honigwasser, also das „Abwasser“ aus Fermentationstank und Schwemmkanal, in dem sich das restliche Fruchtfleisch gelöst hat) wird übrigens in ein separates Becken geleitet und wiederum zur Düngung von anderen Nutzpflanzen eingesetzt, genauso wie das abgetrennte Fruchtfleisch, die Pulpa. Somit werden alle Rückstände der Kaffeeproduktion hier wiederverwendet.
Die Kaffeebäume selbst habe ich mir übrigens nur von weitem angeschaut – die Finca heißt ja „Los Cascabeles“ – „Die Klapperschlagen“. Nomen est hier omen – da bleib ich lieber draußen…

Für Mario und seine Familie ist organisch – biologischer Anbau aber noch eine Menge mehr: Für ihn bedeutet es, dass in allem ein Gleichgewicht angestrebt wird: Ein natürliches Gleichgewicht mit den Ressourcen der Finca, ein Gleichgewicht in der Familie durch gesunde Ernährung und fortlaufende Weiterbildung, ein Gleichgewicht mit Gott, ein Gleichgewicht der verschiedenen Produkte auf der Finca (Diversifikation) u.v.m. Von der ökologisch-biologischen Anbauweise leitet er übrigens auch die Zertifizierung für Fairtrade ab, denn durch die Verwendung der sozialen FLO-Prämie für Bedürfnisse der Gemeinschaft wird auch ein größeres soziales Gleichgewicht erreicht. Diese Herleitung oder Betrachtungsweise fand ich spannend…

Drei Jahre dauert es ca. bis eine Finca vollständig umgestellt ist und ohne chemische Zusätze prosperiert. Nach diesen Jahren ist die Ernte auf Los Cascabelos wieder bei der ursprünglichen Menge wie vor Umstellung angekommen – und das mit höherem Ertrag: Bio-Kaffee erzielt am Markt bessere Preise und zusätzlich gibt es ja noch 20 Cent pro Pfund Rohkaffee von Fairtrade, die damit ökologische Anbauweisen gezielt fördern.
Die positive Entwicklung sieht man Finca, Haus und Familie an. Dass Mario vor ca. 4 Jahren noch kurz vor dem Existenzverlust stand, kann man sich angesichts dieser Pflanzenpracht und des gepflegten Hauses kaum vorstellen…

Seit kurzem gibt es noch eine weitere Einkunftsquelle: Die Frau von Don Mario röstet nun einen Teil des Kaffees mithilfe eines mit Feuerholz beheizten, handbetriebenen (!) Trommelrösters selbst – im Garten – und vertreibt ihn auf dem Binnenmarkt. Ein weiteres Päckchen kommt in meinen großen Rucksack und reist zum Probieren zurück nach Deutschland…

2 Comments

  1. Merle Becker
    Posted 23. Januar 2010 at 19:59 | #

    Hallo Frau von Welt,
    habe größten Respekt vor Deiner Arbeit und sehe Dich beim Lesen mit Kamera und Notizzettel über die Kaffeeplantagen flitzen. Bin infiziert und gehe jetzt endgültig zum Fairtrade-Kaufen über! Freue mich darauf, Deine Erzählungen auf meiner südfranzösischen Terrasse noch einmal live zu hören. Geht da auch Rotwein statt Kaffee?
    A bien tôt, chérie!
    Deine Merle

  2. Posted 23. Januar 2010 at 22:49 | #

    Hallo Merli,

    freut mich sehr, dass du hier vorbei geschaut hast – danke fürs Lob. Tatsächlich habe ich immer Zettel und Stift unterm Arm geklemmt – die Kamera nicht zu vegessen, damit ich viele schöne Bilder machen kann und ich nichts von dem hier Erlebten vergesse…Rotwein ist genehmigt (gibts ja auch aus Fairem Handel :-) )
    Pass auf dich auf!!
    Liebste Grüße!!!

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