Mein letzter Besuch bei einer Produzentenkooperative bedarf zunächst einer längeren Autofahrt. Immer weiter Richtung Westen geht es, zuletzt noch einmal eineinhalb Stunden über holprige Sandwege bis wir schließlich bei der Kooperative Flor del Pino ankommen. Nachdem ich schon mehrere Produzentengruppen beschrieben habe, wundert es vielleicht, dass noch eine weitere hier Erwähnung finden soll. Allerdings hat mich der Besuch bei diesen Produzenten aus verschiedenen Gründen besonders beeindruckt…
Flor del Pino ist mit Abstand die kleinste Kooperative, ich hier kennenlernen durfte: Nur 20 Produzentenfamilien haben sich ihr angeschlossen. Früher waren es einmal mehr, ca. 60 Mitglieder, allerdings waren es damals keine eigenständigen Produzenten, sondern Arbeiter auf den großen Fincas. Damals wurde hier aber auch kein Kaffee angebaut, die Fincas waren eher der Viehzucht und anderen landwirtschaftlichen Erzeugnissen gewidmet. Erst während einer Reise in den 80er Jahren nach Costa Rica lernten die Mitglieder der Kooperative alles Notwendige über den biologisch-organischen Kaffeeanbau.
Durch den Zusammenschluss zu einer demokratischen Organisation konnten sie kleine Summen Kapital erschließen und damit nach und nach die ersten eigenen Ländereien erwerben. Heute besitzt jeder der Produzenten (Söhne und Enkel der früheren Mitglieder) seine eigenen Finca mit einigen wenigen Hektar Land. Darüber hinaus – auch das ist eine Besonderheit – verfügt die Kooperative aber auch als Organisation über ca. 15 Hektar eigenes Land. Bei den Kooperativentreffen alle 2 Wochen wird ein Arbeitsplan festgelegt, nachdem jedes Mitglied zwei Tage der Woche auf dem Kooperativenland arbeitet und dort Kaffee erntet, säht, Kaffeebäume beschneidet, säubert o.ä.
Mit dem Ertrag dieser Ländereien finanziert die Kooperative einen Großteil ihrer administrativen Kosten, investiert aber auch in soziale und ökologische Projekte. Darüber hinaus ist die Kooperative selbst zu einem Arbeitgeber in den umliegenden Dörfern geworden.
Flor del Pino produziert zu 100% Kaffee aus biologisch-organischem Anbau. Den Zertifizierungsprozess für Fairtrade haben die Mitglieder im vergangenen Jahr begonnen und warten derzeit auf Antwort von dem zuständigen FLO- Inspekteur in Costa Rica. Aber auch ohne, dass sie bisher über eine soziale Prämie seitens FLO verfügen, engagiert sich die Kooperative in ihrem Umfeld: sechs Stipendien für weiterführende Schulen werden jährlich für Kinder der Mitglieder finanziert, daneben ein Fonds für medizinische Notversorgung in der örtlichen Gemeinde, die zudem nur aufgrund des Bestehens und der Gelder von Flor del Pino nun überall Elektrizität hat. Mehrere Grundschulen im Umkreis erhalten finanzielle Unterstützung und darüber hinaus unterhält und schützt die Kooperative noch 170 Hektar Wald in einer benachbarten Region – was ich um so beachtlicher finde, als dass die Mitglieder noch viele andere dringende Bedürfnisse und Verbesserungsmöglichkeiten direkt vor der Haustür hätten als sich um den Schutz der Umwelt in anderen Regionen zu kümmern. Der ökologische, umweltfreundliche Ansatz, der sich auch konsequent durch die Produktion und Aufbereitung des Kaffees zieht, scheint erst gemeint und weiter zu gehen als nur bis zu einem Bio-Siegel, das höhere Preise impliziert.
Auch die Aufbereitungsanlage hat von dem gut funktionierenden Kooperativenleben profitiert: Hier sehe ich die modernsten und saubersten Anlagen aus Brasilien, dieselben wie auf der Finca Hamburgo in Mexiko, nur eben ein, zwei, drei Ausgaben kleiner. Um die Anlagen herum wird auf großen Patios Kaffee getrocknet genauso wie auf umstehenden Trockenböden. Im nächsten Jahr wird Flor del Pino größere Trockenflächen benötigen, die Produktion steigt stetig.
Sofort bei Ankunft beginnen alle Produzenten, die mich begleiten, automatisch zu arbeiten. Es ist als könnten sie mir nicht etwas erklären, ohne gleichzeitig irgendwo mit anzupacken und ihren Teil beizutragen –faszinierend wie jeder sofort seinen Platz einnimmt und sich wie selbstverständlich Teams bilden, die den getrockneten Kaffee zusammenklauben, abfüllen, wegtragen. Auf der Finca selbst das gleiche Bild: Kaum angekommen mischen sich Erntehelfer und Fincabesitzer, jeder schnappt sich einen Zweig und fängt an zu pflücken, während ich damit weitermache, ihnen Löcher in den Bauch zu fragen. Es wird viel gelacht und gescherzt und mir wird im Minutentakt ein anderer Zweig unter die Nase gehalten, guck doch mal wie viiiiel Kaffeekirschen da dran hängen!! Tatsächlich kann ich mich mal wieder kaum an der Fülle der schwer behangenen Zweige und diesem satten Grün um mich herum satt sehen!
Ich lerne noch etwas über die Ernte und die Bezahlung: Damit wirklich nur die reifen Kirschen gepflückt werden, verwendet man hier eine Art Mustersieb, ein Brett mit Vertiefungen, mit dem man eine Art Muster aus der abgelieferten Ernte entnimmt: je nachdem, wie viele grüne Kirschen hier noch enthalten sind, wird bezahlt: reife Kirschen bringen natürlich mehr, für grüne, unreife Kaffeekirschen gibt es ein wenig Abzug. So wird die angestrebte Qualität schon beim ersten Schritt, bei der Ernte, eingefordert und belohnt.
Zum Abschluss folgt ein gemeinsames Mittagessen mit allen Kooperativenmitgliedern bei einer ihrer Familien, nachdem es vormittags schon selbstgebackenen Kuchen gab – und natürlich Kaffee aus eigener Produktion!
Was hat mich nun an dieser Gruppe so fasziniert? Der Zusammenhalt zum einen. Man hat wirklich das Gefühl, die Beziehung geht weiter über die berufliche Verbindung und auch über die gemeinsame preisliche Orientierung am Bio-Markt hinaus. Ein bisschen Familie ist das schon, geprägt von gemeinsamen Zielen, aber vor allem auch von Stolz über die gemeinsam errungenen Erfolge! Die Dynamik zum anderen, mit der die Kooperative Pläne schmiedet und umsetzt, die Disziplin, der hohe Anspruch an die eigene Arbeit und die Transparenz, wo welche Investitionen warum getätigt werden. Einige der zuletzt genannten Aspekte mögen mit der Präsenz eines hiesigen Beraters von Technoserve, einer NGO, verknüpft sein, der die Mitglieder auf ihrem Weg beleitet.
Für mich persönlich war der Besuch bei Flor del Pino eine Begegnung auf Augenhöhe, mit ganz viel gegenseitigem Respekt und auch gegenseitiger Neugierde – denn wie auch schon zuvor bei anderen Kooperativen habe ich auch hier oft gehört: Wir wissen eigentlich nie wo unser Kaffee hingeht und wie er dann konsumiert oder zubereitet wird, wann, wo, in welchem Ambiente. Es ist das erste Mal, dass wir Besuch von einem Kaffeeröster haben…
Dass während der Erntezeit, wo jede Hand gebraucht wird, fast alle Kooperativenmitglieder in der Tür stehen, wenn ich ankomme und mit mir den Tag verbringen, erachte ich keineswegs als selbstverständlich (auch vor dem Hintergrund ihres Verkaufinteresses nicht!), sondern als ein Zeichen von Respekt und ehrlichem Interesse – letztendlich haben die Produzenten ja genau so viele Fragen über den Konsum, die Veredelung und Absatz von Kaffee bei uns wie wir über Anbau, Aufbereitung und Ernte…
Das war der letzte Besuch einer Produzentengruppe – und damit geht auch meine zweite Etappe und meine eigentliche Kaffeereise zu Ende. Mein Fazit: 1. ich habe in Honduras extrem viel über Zertifizierungen, Börsenbewegungen, Preisverhandlungen und Kaffee allgemein gelernt – z.T. pro Tag mehr als mein Kopf verarbeiten konnte. 2. Trotz einiger kritischer oder individuell zu betrachtenden Aspekte des Fairen Handels, denke ich nach wie vor, dass das Grundkonzept stimmt, die geforderten Kriterien eingehalten werden und die positiven Effekte absolut und in hohem Maße überwiegen. Und 3. Ohne missionarisch oder pathetisch klingen zu wollen: Es lohnt sich soo sehr, Produzentengruppen wie z.B. Flor del Pino durch den Kauf ihres zertifizierten Kaffees zu unterstützen, wenn man sieht mit welche Dinge hier vor Ort dadurch verändert und verbessert werden!
Nun folgen Berichte aus Chile, meiner dritten und letzten Etappe der Reise, fernab von Kaffeefincas und Pyramiden alter Kulturen, dafür aber mit Meer, Wein, einer hoch interessanten Kultur und Geschichte und hoffentlich noch ein paar Sonnenstrahlen….
5 Comments
Hallo Annika,
Schade das deine “Kaffeereise” nun zu ende ist.
Deine letzten Artikel und Bilder haben mich wieder schwer beeindruckt!
Finde es toll zu hören wie sich durch Fair und Bio die Situation und die Lebensbedingungen dort vor Ort so positiv verbessern. Ebenfalls finde ich den Zusammenhalt, so wie du ihn beschrieben hast, einfach klasse.(Könnte man sich hier zu Lande ein, zwei Scheiben von abschneiden..)
Nicht nur du hast über Kaffee und die da zu gehörigen Komponenten gelernt. Auch mich haben deine Artikel wirklich bereichert!
Angefangen von der Kaffeeernte bis hin zu Zertifizierungen….. alles dabei….toll!
Eine Frage hätte ich aber noch, habe vor einiger Zeit gehört das dort in Honduras immer mehr junge männliche Kaffeebauern ihre Familien im Stich lassen, um in den USA ihr Glück zu suchen, und dass es allmählich zu einem ernsthaften Problemm wird!
Stimmt das so, hast du davon etwas mitbekommen?
Liebe Grüße Tobi
Hallo, Anni de la Bohni,
nun ist der Stress mit Kaffee, Produktion und Zertifizierungsfragen im Ursprungsland, vorbei. Eigentlich schade, denn ich habe durch die Lektüre Deiner lebendigen Berichte und fachlichen Informationen eine Menge nicht nur über das Produkt, sondern auch und vor allem über die “Umgebungsparameter” gelernt, wie z.b. Arbeitsabläufe auf der Finca, Lebensbedingungen, Kinderarbeit, allgemeine soziale Situation, Löhne usw. Kaffee in toto sozusagen. Und dazu dann noch die Bilder. Toll! Ich hätte nichts dagegen gehabt, wenn diese Berichte noch weiter gelaufen wären….
Nun also beginnt die Erholung mit der Erkundung von Chile, von Land und Leuten diesmal, und es geht nicht um Kaffee!
Auch dazu wünsche ich Dir gute Erholung und viel Spaß. Komm gesund wieder und berichte!
Liebe Grüße.
Hallo , Annika !
Es hat großen Spaß gemacht, an deinen Erlebnissen teilzuhaben und so viel Interessantes über Kaffee zu erfahren! Da ich ja auch andere infiziert habe und in meinem Umkreis fleißig mitgelesen wurde, taucht vermehrt die Frage auf : “Vertritt Annikas Firma denn solchen Kaffee?” und ” Wo in Kiel u./o. Umgebung kann man ihn trinken? ” Also: meine “Mädels” und ich wünschen uns eine Vollmers-Coffee-Bar (vielleicht in der Holtenauerstr. = beliebte Flaniermeile,Uninähe!)! Wenn das jetzt nicht Werbung für beide Seiten war !!!
Wir freuen uns natürlich auf ausgeführliche Erzählungen und jede Menge Fotos!! Apropos Fotos! Schmücken denn diese demnächst die Vollmer-Firmenwände? Sie eignen sich bestimmt auch toll für Plakate am Messestand und in oben gewünschter Coffee-Bar. Mal etwas Interessanteres als nur überdimensionale Kaffeetassen, die man sonst sieht!
Und was gibt es Spannendes in Chile? Ich freue mich aufs Lesen.
Schöne,sonnige Urlaubstage !! M./ Evi
Mich meiner Vorposterin anchließend, möchte ich mich für eine interessante & lehrreiche Co-Pilot-Postion bedanken, die einem hier auf dem Blog zuteil wurde/wird
. Ich werde definitiv mehr denn je auf Fair Trade Produkte in meinem täglichen Bedarf achten!
, freue ich mir sehr vielleicht auch die nun folgenden Urlaubstage erholenderweise als Co-Pilot miterleben zu dürfen!
Wünsche Dir eine erholsame Restzeit in Chile, die Du Dir meiner Ansicht nach redlich verdient hast, strapazierte es mich doch schon von den unendlich lang scheinenden Reisezeiten in Deinen Berichten “nur” zu lesen.
Wegen der eben erwähnten auf als Leserin empfundenen Strapazen
Warme Grüße aus dem bitterkalten Norden
This article was very useful for a paper I am writing for my thesis.
Thanks
Bernice Franklin