Herauszufinden, ob die Kriterien von fairem Handel wirklich eingehalten werden und inwieweit sie Lebens- und Arbeitssituation der hiesigen Kaffeeproduzenten nachhaltig verbessern, war eines der Ziele meiner Reise. Um dies zu analysieren, ist eine reine Betrachtung der Zertifizierung aber nicht ausreichend. Vielmehr spielt auch die aktuelle Marktsituation, auch bzgl. nicht zertifizierter Kaffees eine wichtige Rolle für Kostenstrukturen, Absatzchancen und vor allem Gewinn der Fairtrade-Kooperativen. Darüber habe ich in den letzten Tagen viel gelernt…
Nach meinem interessanten Besuch bei Mario Pérez auf seiner Finca Los Cascabelos geht es weiter zu anderen Produzenten und schließlich zur Aufbereitungsanlage von COMSA, der Aktiengesellschaft, die hier für ca.300 Produzenten wie eine Kooperative funktioniert.
In Fachbüchern wird ja meist zwischen nasser und trockener Aufbereitung unterschieden. Hier in Honduras auch – allerdings mit anderen Inhalten. Nasse Aufbereitung bedeutet hier, die Kaffeekirschen von Blättern, Steinen usw. zu separieren, verschiedene Reifegrade (reif, unreif, überreif) der Kirschen zu trennen, das Fruchtfleisch zu entfernen, Kaffee zu fermentieren (wobei das bei einer minderen Kaffeequalität z.T. nicht erfolgt), zu waschen und schließlich auf Trockenböden auszubreiten um unter stetigem Wenden auf ca. 60% Feuchtigkeit zu trocknen.
Trockene Aufbereitung dagegen ist hier alles, was daraufhin für die weitere Veredelung im In- oder Ausland nötig ist, d.h. das Trocknen auf 12% in einem Trockenofen, das Entfernen der Pergaminohaut und das Separieren der verschiedenen Qualitäten. Letzteres beginnt ja schon bereits während der nassen Aufbereitung, und gliedert sich in der trockenen in mehrere Schritte: 1. nach Form/ Größe der Bohnen durch Siebe mit verschieden großen Öffnungen 2. nach Gewicht wieder über eine Art Rüttelsieb, das die Bohnen nach Gewicht und Dichte in verschiedene Ausläufe aufteilt 3. mithilfe elektronischer Detektoren, die die Bohnen nach Farbe (die den Reifegrad der gepflückten Kirsche, sowie evtl. Schäden durch falsche Fermentierung oder Insekten angibt) erkennt und aufteilt. Danach erst werden die Bohnen in Säcke abgepackt und gen Hafen transportiert.
Warum ist diese Trennung von nasser und trockener Aufbereitung hier erwähnenswert? Viele der Kleinbauern, die ich hier besucht habe, und alle mir bekannten Kooperativen, verfügen über eine nasse Aufbereitungsanlage – wenn auch unterschiedlicher Methodik, Größe und Qualität. Eine trockene Anlage dagegen, die dann die weitere Vorbereitung für den Export übernimmt, haben dagegen wenn überhaupt nur die größten Kooperativen. Meistens wird der halbtrockene Pergaminokaffee in Säcke abgepackt und dann von der Kooperative zu einem Exportunternehmen weitertransportiert, die alles Weitere als Dienstleistung übernimmt – und dadurch entstehen natürlich Kosten! Die Investition in einen Trockenofen ist darum für viele Organisationen hier ein großes Ziel.
Anders herum bedeutet es, dass während der Erntezeit doppelt viel Geld zur Verfügung stehen muss: um Erntehelfer zu bezahlen, um die Aufbereitung zu finanzieren und schließlich den Export. Dieser bedeutet noch einmal 13,25 Dollar pro Quintal (eine Umrechnung in Kilo ist hier selten, vielmehr wird alles in libras (englisches Pfund ca. 0, 46 kg und Quintales = ca. 46Kg kalkuliert – ich habe selten so viel Kopfrechnen geübt wie nie während dieser Tage…). Ich hielt diese Summe zunächst für eine allgemeine Exportsteuer – dies ist allerdings nicht ganz korrekt auch wenn sie beim Export fällig wird.
Spannenderweise verfügt der Kaffeesektor hier nämlich über ein eigenes Finanzierungssystem: Aufgrund der hohen Verschuldung vieler Produzenten in der Vergangenheit muss jeder von ihnen beim Export pro Quintal Rohkaffee 9 US Dollar an das hiesige nationale Kaffeeinstitut zahlen. Die Produzenten, die gar nicht verschuldet sind, müssen ebenso zahlen, haben aber die Möglichkeit, diese Summe zurückzufordern und auf einem Konto als Kapital anlegen zu lassen. Die Möglichkeit, Kapital zu sichern und damit dem finanziellen Engpass während der Erntezeit zu begegnen, ist sicher sehr sinnvoll. Leider sind viele Produzenten nicht ausreichend informiert und schaffen es nicht, den komplizierten Prozess zur Rückzahlung und Eröffnung der Bankkontos zu durchlaufen – mit dem Ergebnis, dass diese feststehende Kosten ihren Gewinn schmälern und auch bei Nichtverschuldung ohne Gegenleistung bleiben. Darüber hinaus müssen noch insgesamt 4,25 Dollar an die Kaffeeverbände gezahlt werden, die Interessen des Kaffeesektors vertreten und Lobbyarbeit betreiben sowie für den Ausbau der Infrastruktur zugunsten des Binnentransports des Kaffees verantwortlich sind.
Also: eigentlich eine gute Sache, da dieses Geld dem honduranischen Kaffeesektor allgemein und einigen individuellen Produzenten zugute kommt. Nichtsdestotrotz ist dies einer der Gründe, warum jährlich viel Kaffee nach Guatemala geschmuggelt wird (wo es diese Zwangsabgabe nicht gibt), warum viele Kleinbauern kaum das notwendige Geld aufbringen um ihre Ernte zu verarbeiten und zu exportieren und in Zeiten sehr niedriger Marktpreise auch abwägen, ob eine Ernte überhaupt Sinn macht.
Der faire Handel bietet den Kaffeebauern die Möglichkeit von ihren Käufern bis zu 60% der Ernte vor Lieferung vorzufinanzieren. Allerdings wird dies nach meiner bisherigen Kenntnis kaum umgesetzt bzw. erfolgt frühestens kurz vor der Verschiffung, nicht aber vor der Ernte.
Das Kernstück des fairen Handels ist der faire Preis. In Zeiten niedriger Börsenpreise sichert ein Mindestpreis die Existenz der Familie, schafft durch die soziale Prämie Kapital für Investitionen in eine nachhaltige Entwicklung des sozialen Umfelds und fördert zuletzt durch die Prämie für biologischen Anbau umweltfreundliche Anbauweisen. In Zeiten von Marktpreisen über dem Mindestpreis gilt ersterer zzgl. der genannten Prämien, d.h. die Kaffeeproduzenten sollten mithilfe des FLO-Zertifikats immer besser gestellt sein als Produzenten konventioneller Kaffees. Was aber ist denn eigentlich ein fairer Preis? Und was passiert, wenn, so wie derzeit die Marktpreise extrem hoch sind?
Zunächst habe ich mich mal erkundigt wie sich denn überhaupt die jährlichen Kosten für die Kaffeeproduzenten in Honduras derzeit darstellen:
Anlass dafür war ein Gespräch mit einer Kaffeepflückerin, 17 Jahre alt. Sie pflückt als Angestellte am Tag ca. 1 Quintal und erhält dafür 80 Lempiras. Das ist nicht viel, schaut man sich an, dass sie, selbst wenn sie 30 Tage ununterbrochen arbeitet, auf 2400 Lempiras kommt – der gesetzlich geforderte Mindestlohn einer Arbeitskraft auf dem Land aber bei 3500 Lempiras liegt. Andererseits viel, zieht man in Betracht, dass eine Haushaltshilfe hier, die Wäsche per Hand wäscht, putzt usw. bei ca. 50-60 Lempiras liegt. Kritisch finde ich allerdings, dass Organisationen wie COMSA zwar Empfehlungen aussprechen, wie viel die Pflücker pro Tag bekommen soll, aber keine Summe vorschreiben. Überspitzt formuliert: Gelingt es den Produzenten, den Fincabesitzern, durch Fairtrade und Bio-Zertifikat einen höheren Preis zu erhalten, heißt das nicht unmittelbar, dass auch der Pflücker am Ende (oder Anfang) der Kette davon durch höheren Lohn profitiert. Allerdings unterliegen die Löhne ja auch dem Vergleich innerhalb einer Region, variieren daher nicht soo stark und während der Ernte sind Arbeitskräfte knapp.
Folgende Kosten ergeben sich vor dem bislang dargestellten Hintergrund pro Quintal Rohkaffee für einen Kaffeebauern, der COMSA angeschlossen ist:
- Arbeitslohn Ernte (für 6 quintales Kaffeekirschen): 30,00 Dollar
- Zwangsabgabe Schuldentilgung : 10,00 Dollar
- Zwangsabgabe Kaffeeverbände, Infrastruktur 04,25 Dollar
- Transport zu nasser und trockener Aufbereitung 05,00 Dollar
- Nasse Aufbereitung 11,00 Dollar
- Trockene Aufbereitung 12,00 Dollar
- Saatgut/Arbeitslohn Saat 04,00 Dollar
- Düngemittel (Anwendung 2x jährlich) 20,00 Dollar
- Arbeitslohn Pflege, Beschneidung Kaffeebäume 14,00 Dollar
- Zinsen (16%!) für Bankdarlehen (Durchschnitt) 04,00 Dollar
- 5% Gewinn an COMSA 07,50 Dollar
Gesamtkosten 120, 75 Dollar
Das ist wirklich eine ganze Menge…
Der Fairtade- Mindestpreis liegt derzeit für gewaschenen Arabica (wie hier zutreffend) bei 125 Dollar/Quintal zzgl. Prämien für Bio-Fair von insgesamt 30 Dollar. Das bedeutet 35 Dollar Gewinn, allerdings nur, wenn keine unerwarteten Kosten auftreten und der Kaffee auch wirklich als Bio-Fair Kaffee vertrieben wird. Ist nicht genug Nachfrage dafür vorhanden, wird er als z.B. nur fair gehandelter, nur biologisch angebauter oder nur ganz normaler Kaffee verkauft – dann fallen Prämien weg und die Zertifikate im Prinzip unbedeutend, die Anstrengungen dafür werden nicht belohnt.
Dieses Jahr ist ein besonderes Jahr bezüglich der Kosten-Nutzenanalyse, ein Sonderfall sozusagen, der m.E von FLO nicht vorausgesehen wurde. Um seinen Lieferverträgen trotz partiellem Ernteausfall (zyklisch, durch Baumbeschnitt und Insektenbefall bedingt) zu erfüllen, kauft das kolumbianische Kaffeeinstitut derzeit unerwartet viel Kaffee in Honduras auf. Dadurch ist das Differential auf den Börsenpreis dieses Jahr für honduranischen Kaffee allgemein schon sehr hoch. Das hat zur Folge, dass a) derzeit für nicht zertifizierten Kaffee mehr gezahlt wird als den Kooperativen für fair gehandelten Kaffee, die ihre Verträge bereits abgeschlossen haben und b) durch den hohen Grundpreis viele Käufer nicht mehr bereit sind den Preis für Bio-Fair-Kaffee zu zahlen und darum auf konventionelle Kaffees oder zertifizierte Kaffees aus anderen Ländern ausweichen. Verkauft die Kooperative nun ihren zertifizierten Kaffee nicht als solchen, bleiben die Zertifikate ungenutzt, was natürlich der Motivation der Kaffeebauern und dem Zusammenhalt der Kooperation insgesamt schadet. Senkt die Kooperative aber den Preis um ihren Kaffee trotzdem als Bio-Fair zu verkaufen, kann sie die Prämie nicht mehr auszahlen. Zahlt sie diese nicht, verstößt sie aber wiederum gegen die Kriterien von FLO, zahlt sie dennoch, muss sie einen Kredit aufnehmen und sich verschulden.
Insgesamt scheint bei Fairem Kaffeehandel alles wunderbar zu klappen, wenn die Kaffeepreise niedrig sind und die Kaffeebauern geschützt werden müssen, die Mindestregelung greift. Bei hohen Kaffeepreisen wird das Ganze aber etwas schwieriger. Trotzdem habe ich von Produzenten keine Stimmen gehört, die aufgrund der derzeitigen Situation aus der Kooperative aussteigen wollten. Dafür sind die positiven Effekte des Fairen Handels hier doch zu groß!
Insgesamt fand ich es besonders spannend einmal konkrete Zahlen bzgl. der Produktionskosten zu erhalten um zu schauen wie dicht der Mindestpreis daran angelehnt ist. Des Weiteren hat sich mir einmal mehr gezeigt, wie schwierig es ist, dass ein Zertifikat wie das von FLO auf der einen Seite wirkungsvoll und stringent angewendet wird und auf der anderen Seite den Marktentwicklungen angepasst ist.…
One Comment
Hallo , Annika !
Ich bewundere, wie differenziert deine deine Erkundungen über fairen Handel sind!Deinen vorigen Artikel über Düngung beim Bio-Anbau haben nicht nur uns Hobbygärtner erstaunt, sondern werden auch jeden Biologen interessieren.Dein neuer Bericht lässt mich Kaffeepreise mit anderen Augen sehen.Da müsste ja eigentlich FLO zum Nebenkläger gegen die Firmen werden , die jüngst wegen verbotener Preisabsprachen durch die Medien gingen! Du beschreibst sehr gut die Finanzschwierigkeiten der Kaffeebauern.Doch du bist eine Wirtschaftsfachfrau! Wer erklärt es und hilft den Fincabesitzern vor Ort? Wird in ihre Schulung diesbezüglich genug investiert?
Liebe Grüße !Hasta luego ! M./ Evi