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Die Riesen von Santiago

Die letzten Tage vor meiner Abreise habe ich fuer einen Besuch der Hauptstadt genutzt. Santiago liegt ziemlich genau in der Mitte des chilenischen Schlauchs und ist in mehr als einem Sinne das Zentrum des Landes: Hier leben nicht nur 5 der insgesamt 14 Millionen Einwohner des Landes, hier laufen auch die Fäden von Wirtschaft und Politik zusammen und werden Entscheidungen getroffen, die Auswirkungen auf die Chilenen 2000km weiter noerdlich und 2000km weiter suedlich haben – denn so lang erstreckt sich Chile nun mal die ganze Westseite Suedamerikas entlang…Zeitgleich mit mir kommt aber noch eine andere junge Dame auf einen Stadtbesuch vorbei – und die bekommt aufgrund ihrer Größe und ihrer Geschichte wesentlich mehr Aufmerksamkeit…

Sie ist eine Riesin aus Nantes, Frankreich. 7 Meter hoch, aus Holz, mit Haaren aus 50 Pferdeschweifen, Wimpern aus Besenhaaren und schokofarbenen Augen aus Glaskörpern aus Straßenlaternen. Und sie kommt nicht alleine: Ihr Onkel, nochmal doopelt so groß und in einem Taucheranzug gesteckt, ist ebenfalls da und schreitet gemächlich mit ihr (und mir) durch die Strassen des Stadtzentrums. Die Riesen, das sind zwei Marionetten der französischen Straßentheatergruppe Royal de Luxe. Die Riesen suchen sich immer einen besonderen Zeitpunkt aus um ihre Geschichte an verschiedenen Orten der Welt zu spielen: Letztes Jahr waren sie zum Tag der deutschen Einheit noch in Berlin und zogen während vier Tagen mit ihrem Spektakel die ganze Stadt in ihren Bann. Jetzt im Januar feiern sie mit den Chilen das 200. Jubiläum der Unabhängigkeit von Spanien und sind Teil der in diesem Rahmen angebotenen kulturellen Events. Die Bühne ist die Straße und der Eintritt dementsprechend gratis.

In der Geschichte der Riesen geht es um die Trennung von Onkel und Nichte, ihre Suche nacheinander und schließlich das große Wiedersehen. Das ist aber nicht das Besondere: Das Besondere ist zum einen die Größe: Hinter dem dreitägigen Riesen-Spaziergang steckt naemlich richtig viel Arbeit. Um laufen zu können werden die Riesen mit ihren Marionettenseilen an einen Kranarm gehängt und vor einen Bagger gespannt. Mehr als 50 Helfer sitzen in dieser Seilkonstruktion und sorgen dafür, dass sich jeder Körperteil exakt bewegt. Im Größenvergleich wirken die vielen kleinen rot uniformierten Menschen wie Liliputaner in Gullivers Reisen.

Zum Anderen faszinierend ist die Menschlichkeit, die von den Riesen ausgeht, nicht nur durch die Exaktheit in den Bewegungen, sondern auch durch ihre Handlungen: Waehrend der 3 Tage Aufenthalt sieht man die „pequeña gigante“ (die kleine Riesin) mal mit einem riesigen Holzeis, mal an einem Brunnen sitzend um sich abzukuehlen (verständlich, bei derzeitigen 37 Grad…), mal schlafend, denn, wie solltes anders sein, es ist auch allen Zuschauern klar, dass sich zwischen zwei und vier Uhr kein Seil der Marionette bewegt: die „Kleine“ macht Siesta, ihr Schnarchen hallt per Lautsprecher durch die Innenstadt..

Was mich persönlich am meisten fasziniert hat, waren aber die Zuschauer. Sicher, in Deutschland hat das Spektakel auch große Begeisterung hevorgerufen, aber ich denke, die deutsche Mentalität hat nicht die gleiche innige Zuneigung zu der riesigen Holzpuppe entfacht wie die chilenische. Nach 1 Tag ist die pequeña gigante Stadtgespräch, Star, der Mittelpunkt aller Fernsehkanele. Am letzten Tag habe ich mich mit den Unmengen an Menschen im Stadtzentrum, unweit der Moneda, des heutigen Regierungssitzes des chilenischen Präsidenten, „angestellt“ um die Riesen live zu erleben. Um mich herum Menschenmassen, vor allem Kinder, aber auch viele Erwachsene, die genauso kreischen udn johlen wie die Kleinen. Ausnahmsweise habe ich mich mal ueber den Größenvorteil als Durchschnittseuropäerin gegenüber den meisten Einwohnern dieses Kontinents gefreut, da ich auf Zehenspitzen stehend ca. 80% der umstehenden Väter samt Kindern auf den Schultern ueberragt habe…Als die kleine Riesin langsam mit ihren vielen kleinen Helfern um die Ecke biegt, wird es eng: Kinder werden hochgehoben, Kameras gezückt, Konfetti geworfen: 600.000 Menschen kleben in der Nachmittagshitze quasi zusammen – Berührungsängste darf man hier bestiommt nicht haben…

Das Ende der Geschichte: Großer Riese und kleine Riesin finden sich schließlich wieder und das große Wiedersehen mit Umarmung und Tränchen aus dem Holzauge führen zu Begeisterungsstürmen und massenweise Freudentränen bei den Zuschauern – und ich werde mir ob dieser Emotionen einmal mehr der Unterschiede in der Mentalität Deutschland – Lateinamerika bewusst :-)

Auch interessant an diesem Event: In Santiago gibt es die gleichen großen sozialen Unterschiede und Schichten wie in anderen lateinamerikanischen Großstädten auch, nur zeigen sie sich einem nicht so deutlich. Bei diesem gratis Theater sind aber alle da: die Familien aus den reichen Vierteln genauso wie die aus den Armutsvierteln am Rande der Stadt, die sich sonst sicher keine „Kultur“ leisten koennen.

Was lässt sich sonst zu Santiago sagen? Es ist unglaublich heiß, die Kinder stören sich allerdings nicht daran, da sie jeden vorhanden öffentlichen Springbrunnen oder Wasserspiel in der Stadt nutzen um darin zu baden. Santiago ist erstaunlich grün und wird bis jetzt auch seinem Ruf als sichere Stadt (Chile gilt ja insgesamt als sicherstes Land Lateinamerikas) gerecht – trotz Menschenmassen wie oben beschrieben. Nichtsdestotrotz ist der Smog wieder deutlich spürbar, nach ein paar Stunden Innenstadt geht der nicht daran gewoehnte Besucher doch mit Kratzen im Hals nach Hause…was mich ja wieder „meinem“ Kernthema Nachhaltigkeit annähert. Darum treffe ich mich auch an meinem letzten Tag mit einer Agentur, die hier in Chile Nachhaltigkeitszertifizierungen von Unternehmen vornimmt…mal sehen, was die dazu sagt…..

One Comment

  1. Posted 2. Februar 2010 at 00:01 | #

    Hallo Annika,

    so kurz vor der Rückreise nach Germany, möchte ich Dich schon einmal auf die kühlen Temperaturen vorbereiten.
    Die Hamburger Alster ist zugefroren und erfreut sich vieler Fussgänger.
    Heissgetränke sind der Renner und wir freuen uns auf die frischen Kaffeebohnen aus den Stationen Deiner tollen Reise.

    Schön, dass es Unternehmen gibt, die solche Reisen unterstützen und Mitarbeiter, die sich mit viel Engagement für CSR und Fairtrade einsetzen.

    Lieben Gruß

    vom kaffeeonkel…

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